Was versteht man unter

"Multiple Sklerose" oder kurz "MS"?

(Der lateinische, von Ärzten bevorzugte Name lautet: "Encephalomyelitis disseminata")

Es wäre verwirrend und wenig hilfreich, wollte man hier alle Definitionen der MS aufführen. Ihre Entstehung, ihre Ursachen also liegen bei genauer Betrachtung bis heute im Dunklen. Das Gleiche gilt für die Mechanismen des Verlaufs. Rund um den Erdball wird fleißig geforscht und es gab namentlich in den letzten 5 Jahren beachtlich Einzelergebnisse, die aber bisher nicht zu einem einheitlichen Bild zusammengefügt werden konnten.

Auch wenn manche Neurologen noch an überholten Definitionen festhalten, kann verbindlich gesagt werden:

MS ist eine chronische Entzündung des Zentralnervensystems, die zu einer Beschädigung der Markscheiden, der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark führt.

In den letzten Jahren setzt sich aufgrund von Forschungsergebnissen folgende Erkenntnis durch:

Die Schädigung der Markscheiden (Myelin) ist sekundär. Primär kommt es zu einer Entzündung der Blut-Hirn-Schranke, einer Schutzeinrichtung zwischen Blutsystem und Hirnsubstanz, die schädliche Stoffe von den Nervenzellen abhält. Durch diese Entzündung der Blut-Hirn-Schranke wird diese zunächst durchlässig für Blutplasma und später auch für Blutkörperchen. Die Myelinscheiden bzw. die Oligodendrozyten, die weiße Hirnsubstanz sind für bestimmte weiße Blutkörperchen (Teile der Immunabwehr) Fremdkörper, die beseitigt werden müssen. Damit setzt die Schädigung der Myelinscheiden ein.

Warum es zu der eben beschriebenen Entzündung der Blut-Hirn-Schranke kommt, was also der Auslöser, die Ursache ist, ist bisher nicht bekannt. Man spricht von einer Autoimmunerkrankung. Diese Zuordnung wird allgemein für korrekt gehalten.

Die MS tritt in Europa vornehmlich nördlich des 46. Breitengrades, in Amerika nördlich des 38. Breitengrades auf. In den südlichen Ländern findet man die MS-Erkrankung viel seltener. Sie tritt vornehmlich zwischen dem 20. Und 40. Lebensjahr auf, wobei Frauen stärker betroffen sind als Männer. Das Verhältnis liegt bei w:m = 1,2 - 2 : 1, d.h. daß nahezu doppelt so viele Frauen betroffen sind als Männer. Die Verbreitung der MS in der Bevölkerung Deutschlands wird in einigen Publikationen mit 30 - 60 pro 100.000 Einwohner angegeben, andere sprechen von einer Rate von 1: 800 bis 1.000, d.h. diese Zahl läge etwa doppelt so hoch. Da es keine Meldepflicht für MS gibt, und die ist auch nicht erforderlich, kennt man keine genauen Zahlen. Die zuletzt genannte Rate dürfte aber nach der Erfahrung von Ärzten in Ballungsgebieten eher zutreffen.

Verlaufformen der MS

Man unterscheidet heute folgende Verlaufformen bei der Multiplen Sklerose:

1. Schubförmiger Verlauf

Von einem Schub spricht man, wenn neue Symptome auftreten, die länger als 24 Stunden anhalten oder wenn frühere Symptome sich nach mindestens einmonatigem Abstand wiederholen oder wieder deutlich verstärken.

Die Rückbildung der Symptome nennt man Remission.

Die Zeitabstände zwischen zwei Schüben, das Intervall ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich und kann sich auch im Verlaufe der Erkrankung erheblich verändern. Dieser zeitliche Abstand kann Monate, er kann aber auch viele Jahre betragen.

Einige Neurologen wollen von einem Schub aber nur dann reden, wenn neue Symptome auftreten, nicht aber, wenn alte Symptome wiederkehren.

2. Schubförmig-progredienter Verlauf

Von dieser Verlaufsform spricht man, wenn sich die neurologischen Symptome nach einem Schub nur unvollständig zurückbilden, d.h. daß nach jedem Schub die krankheitsbedingte Behinderung ein wenig zunimmt.

3. Sekundär chronisch-progredienter Verlauf

Diese Verlaufsform liegt vor, wenn nach manchmal jahrelangem schubförmigen Verlauf mit Remissionen eine schleichende, bleibende Verschlechterung eintritt. Es kommt auch vor, daß sich zusätzlich zu dem schleichenden Verlauf schubartige Verschlechterungen einstellen.

4. Primär chronisch-progredienter Verlauf

Bei manchen Patienten fehlen von Anfang an schubförmige Verschlechterungen; bei ihnen entwickeln sich die Symptome schleichend und allmählich über Monate bis Jahre. Nach der Literatur tritt diese Verlaufsform nur bei etwa 20 % der Patienten auf.
 
 

Aus den neueren Forschungsergebnissen schließen heute namhafte Neurologen nicht aus, daß es keine einheitliche Krankheit MS gibt, sondern daß sich hinter den oft grundverschiedenen Verläufen und grundverschiedenen Ausfallerscheinungen auch verschiedene Krankheiten verbergen, die wir bis heute in Ermangelung an besseren Kenntnissen als Multiple Sklerose bezeichnen.

 
       
       


 


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